Nachtzug nach Lissabon - 2.Teil

Ich habe es geschafft, ich habe Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“ ausgelesen, bevor die Daten auf meinem e-reader sich termingerecht selbst zerstört haben. Viel zu schnell für dieses Buch, vermute ich. Dabei wird es im dritten und vierten Teil sogar richtig spannend, denn Gregorius gelingt es tatsächlich, alle wichtigen Informationen über Prados Leben zusammen zu tragen. Auch über seine Beziehungen zu verschiedenen Frauen. Wie wahrscheinlich so eine Geschichte ist, darüber darf man freilich nicht genauer nachdenken.

Jetzt, wo ich den Inhalt bis zum Schluss kenne, bin ich doch ein wenig ratlos. Dieser Prado war offenbar ein hochtalentierter Mann, der zudem den familiären Hintergrund hatte, um seine Talente voll auszubilden – auch wenn er dem Berufswunsch des Vaters gefolgt ist und nicht seinem eigenen. (Wenn der Mann wirklich so begabt war, hätte er durchaus ein Literaturstudium neben dem Medizinstudium absolvieren können…) Was sehr deutlich herauskommt, ist, dass er lebtags unglücklich war und sich einsam gefühlt hatte – obwohl er von sehr vielen Menschen nicht nur geschätzt, sondern wirklich geliebt worden war. Aber er konnte diese Liebe nicht annehmen, weil er viel zu streng mit sich selbst ins Gericht ging. Und weil er nicht an die Liebe glaubte, sondern Begehren, Gefallen, Geborgenheit und Loyalität an ihre Stelle setzte. Etwas befremdlich für mich las sich Prados Brief an seine Mutter, in der er ihr vorwarf, offenbar unbewusst (!) viel zu hohe Erwartungen in ihn gesetzt und ihn dadurch einem enormen Druck ausgesetzt zu haben – und das ohne diese Erwartungen je zu artikulieren. Projiziert darin Prado seine eigenen viel zu hohen Ansprüche an sich auf seine Mutter? Oder ist diese Stelle vom Autor als Persiflage an all die vielen „Mama – ist –Schuld – an – meinem – Unglück“ Lamenti gedacht, die uns die Psychoanalyse beschert hat? Alles wird hinterfragt, alles wird kritisiert, sogar seine guten Taten stellt Prado auf den Prüfstand und erlaubt sich dabei nicht, etwas positiv an sich zu finden – es könnte ja Eitelkeit sein. Teilt der Autor Prados Ansichten, oder will er uns zeigen, wohin diese Art zu denken führen kann?

Und wie steht Gregorius, der Prados Leben nachspürt, zu diesen Dingen? Zumindest scheint er zu sich selbst ein wesentlich liebevolleres Verhältnis zu haben, als die Person, dessen Leben er recherchiert. Um – ja, was? Um es an seiner Stelle weiter zu führen, geplagt von der gleichen Angst vor einer plötzlichen Gehirnblutung?

Das Buch regt zum Nachdenken an, hat sehr viele Ebenen, und doch fühle ich mich unzufrieden. Ist es die unwahrscheinliche Geschichte von Gregorius? Oder die überstilisierte Kunstfigur Prados? Und was sollen die Anspielungen auf Kafkas Schloss bewirken? Dass ich mich darüber freue, dass ich so g‘scheid bin, sie zu bemerken?!

Prado hatte offenbar auch höllische Angst davor, kitschig zu werden. Das ist eine Stelle, über die ich noch länger reflektieren möchte. Aber davon ein andermal. Jetzt mach ich erst einmal das, was mein e-reader neben mir laut Display ebenfalls macht: eine Runde schlafen.

Rosensilke


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